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Tokenisierung: Digitalisierung von Vermögenswerten

Lesedauer: 9 Minuten

Veröffentlicht am 2. Februar 2021
Mithilfe der Tokenisierung kann sich die Finanzbranche grundlegend ändern. Denn Wertpapiere und Vermögensanlagen werden mithilfe der Blockchain digitalisiert und handelbar gemacht. Wie funktioniert das?  

Zehn Trillionen US-Dollar: So hoch schätzt das Weltwirtschaftsforum den Wert der Vermögensgegenstände, die bis 2029 tokenisiert sein könnten. Ein enormes Potenzial für Unternehmen, Anleger:innen und die Finanzbranche.

Deutschland ist in Sachen „Tokenisierung“ einer der Vorreiter in Europa. Im September 2019 verabschiedete das Bundeskabinett seine Blockchain-Strategie. Damit wurden die „Weichen für die Token-Ökonomie“ geschaffen. Der Digitalverband Bitkom bewertete die Umsetzung der Strategie nach einem Jahr positiv, man sei „auf einem guten Weg“, so Bitkom-Präsident Achim Berg.

Doch was ist Tokenisierung? Welche Funktion hat ein Token? Und welche Anwendungsformen gibt es für Unternehmen bereits heute? Das erklären wir in diesem Beitrag.

Tokenisierung, Token, Smart Contracts

Der Begriff der Tokenisierung beschreibt die Zerstückelung oder Teilung einer Einheit. Ein Einzelteil wird Token genannt. Jeder Token verfügt über einen fest definierten Wert und ist mit Rechten und Pflichten ausgestattet.

Die Verwaltung eines Tokens erfolgt über einen Smart Contract. Das sind intelligente Verträge, die auf einer Software beruhen und sich der Erfüllung oder Änderung von vertraglichen Leistungen automatisch anpassen. Ändert sich beispielsweise der Wert oder die Funktion eines Tokens, so ändert sich der Smart Contract.

Blockchain als Grundlage der Tokenisierung

Diese Methode basiert auf der Blockchain-Technologie. Die Blockchain ermöglicht es Eigentumsverhältnisse, Rechte, Vermögens- und Sachwerte digital abzubilden.

Bei der Blockchain handelt es sich um eine dezentrale Datenbank. Sie funktioniert nach dem Prinzip, das Aktualisierungen chronologisch erfolgen und man sie nachträglich nicht mehr ändern kann.

Der Name „Blockchain“ leitet sich daraus ab, dass die Informationen, die in der Datenbank hinterlegt werden, in Blöcken (Block) zusammengefasst und wie eine Kette (Chain) miteinander verbunden sind.

Die Informationen innerhalb der Blockchain werden in einem Verlauf (ähnlich wie bei einem Chatverlauf) gespeichert und mit dem vorherigen Datensatz verknüpft. Jeder Datenblock weiß nichts von seinem Nachfolger, lediglich von seiner Vorgängerin. Zur eindeutigen Identifikation eines Blocks wird ein digitaler Fingerabdruck angefertigt, auch Hash genannt.

Blockchain

Die Blockchain-Technologie ist in der Lage, alle erdenklichen Werte, Rechte und Schuldverhältnisse an materiellen und immateriellen Gütern durch Token zu repräsentieren. Somit wird deren Handel- und Austauschbarkeit vereinfacht.

Warum eignet sich gerade die Blockchain zur Tokenisierung? Nachträglich Änderungen sind ausgeschlossen. Dazu muss sich ein Hash ändern, was allerdings dazu führt, dass die Informationskette auseinanderbricht. So müssten alle Hashes neu berechnet werden.

 

Blockchain ist sicher vor Manipulation und Fälschung

Das macht die Blockchain zu einem sehr sicheren System: eine wichtige Voraussetzung bei der Digitalisierung von Eigentumsrechten und Vermögenswerten.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Blockchain wird über ein dezentrales Netzwerk verwaltet, dem jeder beitreten kann. Jedes Mitglied hat eine vollständige Kopie der Blockchain auf seinem Computer und dieser prüft, ob sie noch intakt ist.

Ein neuer Block wird erst hinzugefügt, wenn ihn jeder Computer im Netzwerk verifiziert hat. Diese Dezentralität sorgt dafür, dass jeder jeden kontrolliert. Auch deshalb sind Manipulationen und Fälschungen nahezu unmöglich.

 

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Tokenisierung und die Auswirkungen auf die Finanzwelt

Die Vorteile der Blockchain-Technologie erkennen mittlerweile viele Branchen. Insbesondere im Finanzbereich sind sichere Systeme unerlässlich. Und genau hier werden Blockchain und Tokenisierung eine disruptive Kraft zugesprochen.

Mithilfe von Token lassen sich theoretisch alle Arten von Vermögenswerten und den damit verbundenen Rechten digital abbilden und handelbar machen. Die Blockchain sorgt für die notwendige Sicherheit.

Dabei gibt es zwei unterschiedliche Anwendungsgebiete von Token:

  • Durch die Blockchain gibt es Token, die Anlage- und Finanzierungszwecken dienen, aber keine Wertpapiere sind.
  • Mittels Blockchain können Wertpapiere digitalisiert und als Token dargestellt werden. Die Durchführung und Abwicklung von Wertpapiergeschäften erfolgen schneller und kostengünstiger als bislang.

Blicken wir zunächst auf Token, die zu Anlage- und Finanzierungszwecken ausgegeben werden.

 

Tokenisierung zu Anlagezwecken und zur Finanzierung

Die Tokenisierung lässt sich in diesem Fall am Beispiel von Immobilien darstellen. Eine Projektentwicklerin ist im Besitz einer Immobilie, die mit einer Million Euro bewertet ist. Mithilfe der Tokenisierung kann die Projektentwicklerin diese Immobilie nun beliebig klein zerstückeln, beispielsweise in 10.000 Token, die zu je 100 Euro ausgeben werden.

Verkäuferin und Käufer können Token ohne Intermediäre über die Blockchain handeln. Die Verwaltung erfolgt digital.

 

Tokenisierung

Die Projektentwicklerin gibt Token aus und erhält das Kapital. Die Käufer erwerben Token und halten so ein Stück an der Immobilie. Gleichzeitig ist der Token jeweils mit Rechten verbrieft: Sein Inhaber beansprucht beispielsweise anteilig Mieteinnahmen.

Ebenso sind Pflichten hinterlegt: etwa eine Beteiligung an der Grundsteuer, an Reparaturen oder Versicherungen. Der Token-Inhaber kann seinen Token aber auch jederzeit auf dem Sekundärmarkt verkaufen. Das – Kauf, Verwaltung, Verkauf – erfolgt automatisiert und digital.

So lässt sich die Tokenisierung auf praktisch alle Eigentumsverhältnisse, Vermögenswerte und Rechte anwenden. Hier kann sie zum Einsatz kommen:

Asset Token (Vermögenswerte)

  • Immobilien, Sparkonten, Edelmetalle, Kunst (NFT), immaterielle Werte wie Patent-, Urheber- und Markenrechte

Debt Token (Forderungsrechte)

  • Eine Fremdkapitalforderung auf Rückzahlung des investierten Betrags mit oder ohne Zinsen. Zum Beispiel kann eine Eigentümerin ein Teil ihres Hauses tokenisieren. Für das eingesammelte Geld kann sie den Investor:innen Zinsen auszahlen.
  • Anleihen, Darlehen, Schuldverschreibung

Equity Token (Beteiligungsrechte)

  • Es werden Rechte an Beteiligungen mit Vergabe von Anteilen und Stimmrechten tokenisiert.
  • Fonds, Aktien und Futures (Terminkontrakte auf ein bestimmtes Gut)

Idealbild: Tokenisierung der Volkswirtschaft

Das aufgezeigte Immobilienbeispiel ist das Idealbild, wie Tokenisierung funktionieren kann. Um das sicherzustellen, müsste die gesamte Volkswirtschaft auf der Blockchain-Technologie basieren. Alle Akteur:innen interagieren im selben dezentralen Netzwerk, kontrollieren einander und wickeln ihre Geschäfte darüber ab.

Das bedeutet im Falle von Immobilien: Das Grundbuch wird auf der Blockchain abgebildet, anfallende Steuerzahlungen erfolgen mittels Blockchain und Versicherungen greifen darauf zurück.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Kritiker:innen sagen, dass die Tokenisierung von Vermögenswerten aktuell „nur“ über eine Intermediärstruktur funktioniert. Dabei ist eine Plattform zwischengeschaltet, die Emittent:innen und Anleger:innen zusammenbrachte.

Das bedeutete konkret: Nicht die Immobilie selbst wurde tokenisiert, sondern etwa ein Genussrecht, ein Wertpapier oder eine Anleihe.

Aus Vermögensanlagen werden handelbare Wertpapiere

Auf regulatorischer Ebene unterscheidet der Gesetzgeber nach dem Vermögensanlagengesetz für klassische Vermögensanlagen wie Immobilien und nach dem Wertpapierprospektgesetz für Wertpapiere.

Ob es sich um eine Vermögensanlage oder ein Wertpapier handelt, hängt von Eigenschaften wie Übertragbarkeit, Standardisierung oder Kapitalmarktgängigkeit ab.

Die Tokenisierung ändert das. Die einfache Handhabung, Übertragbarkeit und Handelbarkeit von Aktien und Wertpapiere soll durch Token auch mit klassischen Vermögensanlagen möglich sein.

Tokenisierung von Wertpapieren

Womit wir zum zweiten Anwendungsfall kommen: Mittels Blockchain können Wertpapiere und Aktien digitalisiert und als Token dargestellt werden. Der erste Vorläufer dessen waren die Initial Coin Offerings (ICO) und die Security Token Offerings (STO).

1. Schritt: Initial Coin Offering

ICOs waren die ersten auf Blockchain-basierten Finanzierungsformen. Sie sind an den klassischen Börsengang Inital Public Offering (IPO) angelehnt, haben allerdings kaum Gemeinsamkeiten. 2013 wurden auf diesem Weg erstmals Token emittiert, die keine Wertpapiere darstellen und bei denen keine Rechte und Pflichten hinterlegt sind.

Die Käufer:innen dieser Initial Coins erhielten im Gegenzug Kryptowährungen (Bitcoin oder Etherum), aber keine Unternehmensbeteiligungen, Zinsen oder Dividenden. Vielmehr spekulieren die ICO-Inhaber:innen auf eine Wertsteigerung der Kryptowährungen. So wollen sie eine Rendite erzielen. Die Initial Coins werden deshalb auch Utility Token genannt.

Doch ICOs sind kaum reguliert. Es gibt keine festgehaltenen Rechte für Investoren. Diese mangelnde Regulierung lockte in der Vergangenheit viele Betrüger:innen an, wodurch ICOs für Emittenten und Anleger weitaus weniger attraktiv sind.

 2. Schritt: Security Token Offering

Aufgrund dieser Unsicherheit folgten auf die ICOs die Security Token Offerings, die enger gefasst sind und – wie ihr Name bereits andeutet – mehr Rechtssicherheit aufweisen. Ein Security Token dokumentiert real existierende Vermögensgegenstände und damit verbundenen Ansprüche.

In der Blockchain sind zu diesem Zweck Smart Contracts hinterlegt, die bei Erfüllung von vorab festgelegten Bedingungen automatisch greifen und beispielsweise Zahlungsanweisungen von Dividenden ausführen.

Das bedeutet: STOs sind mit einem tatsächlichen Geldwert verbunden. Ähnlich wie bei Wertpapieren oder Aktien liegt hinter einem STO ein reales Asset, das als Absicherung dient. Anders als ein ICO gilt ein STO zudem nicht als Zahlungsmittel (Kryptowährung) und ist dadurch keinen Kursschwankungen unterworfen (Stichwort Bitcoin).

Vergleich ICO STO IPO

3. Schritt: Vollständig digitalisierte Wertpapiere

Vollständig digitalisierte Wertpapiere sind jedoch weder ICO noch STO. Nach aktueller Rechtslage können sie nicht in digitalen Token dokumentiert werden. Dazu bedarf es noch immer einer Urkunde in Papierform.

Das soll sich allerdings bald ändern. In der Blockchain-Strategie der Bundesregierung ist dazu zu lesen:

„Die Bundesregierung strebt an, das deutsche Recht für elektronische Wertpapiere zu öffnen. Die derzeit zwingende Vorgabe der urkundlichen Verkörperung von Wertpapieren (Papierform) soll nicht mehr uneingeschränkt gelten.“

Schon heute lassen sich allerdings Ansprüche, Forderungen und Rechte, die eine Aktie oder ein Wertpapier mit sich bringt, mit einem STO tokenisieren.

Ähnlich wie bei Wertpapieren erhalten die Eigentümer eines Security Tokens Rechte an einem Unternehmen oder schuldrechtliche Ansprüche. Die einem Token innewohnenden Vermögensansprüche und Rechte sind dabei klar definiert. Ihr Verkauf erfolgt nach regulatorischen Vorgaben – anders als bei Initial Coin.

Tokenisierung & Unternehmensfinanzierung

Security Token Offerings eignen sich zur digitalen Unternehmensfinanzierung. Das hilft vor allem kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und ermöglicht ihnen die Nutzung einer alternativen Finanzierungsform jenseits des Fremdkapitals der Banken.

In der Mittelstandsfinanzierung werden in der Regel kleinere Volumen von unter zehn Millionen Euro emittiert. In dieser Größenordnung war es bisher mit hohen Initialkosten verbunden, um sich an den Kapitalmarkt zu wenden. Token ändern das.

Sie senken die Emissionskosten massiv. Die Tokenisierung erfordert weder Notare noch Banken. Die Verwaltungskosten fallen durch den Einsatz von Smart Contracts geringer aus. Gleichzeitig steigt dadurch die Schnelligkeit der Abwicklung. Durch die Ausgabe von Token werden KMU kapitalmarktfähig.

Wie sieht die Zukunft der Tokenisierung aus?

Bereits heute geben Unternehmen STOs aus, um sich darüber zu finanzieren. Bis es aber zu der des Weltwirtschaftsforums skizzierten Situation eines 10-Trillionen-Dollar-Marktes kommt, ist es noch ein weiter Weg. Laut Blockchain Center könnte es in der Europäischen Union bis 2024 mehr als 1,4 Billionen Euro an tokenisierten Assets geben.

Volumen tokenisierte Assets EU

Tokenisierungs-Experten wie Sven Hildebrandt sagen voraus, dass Aktien, ETFs und Fonds, wie wir sie heute kennen, in vier Jahren Seltenheitswert besitzen werden. Dirk Elsner, Senior Manager Innovation und Digitalisierung bei der DZ Bank, ist skeptischer. Um ihre volle Kraft zu entfalten, sei das Zusammenwirken verschiedener Marktteilnehmer und Marktorganisatoren erforderlich.

Ob es zu einer vollständigen Tokenisierung der Volkswirtschaften kommt, bleibt abzuwarten. Bisher gibt es zaghafte erste Schritte in Richtung Token-Ökonomie wie beispielsweise im Kanton Zug in der Schweiz. Das dortige Finanzamt akzeptiert seit 2021 eine Begleichung der Steuerschulden in den Kryptowährungen Bitcoin und Etherum. Die Bundesregierung will laut ihrem Strategiepapier digitale Identitäten bereitstellen und eine staatliche Blockchain-Struktur aufbauen.

Jüngst gaben die Commerzbank und die Deutsche Börse bekannt, eine Handelsplattform für Security Token  zu starten. Gemeinsam mit dem FinTech 360X wollen sie  tokenisierte Vermögenswerte wie Immobilien und Kunstwerke (NFT – Non Fungible Token) anbieten.

Die ersten Schritte in Sachen Tokenisierung von Vermögenswerten sind gemacht. Nun gilt es, dass sich die gesamte Finanzbranche dem Thema zuwendet.

 

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