Mehr als nur attraktive Renditen – portagon
Co-Founder Jamal El Mallouki im FAZ Podcast über Crowdfunding

Lesedauer: 6 Minuten

Die Brücke Eiserner Steg in Frankfurt
Veröffentlicht am 19. August 2022
Als Vorsitzender des Bundesverbands Crowdfunding war der Co-Founder von portagon Jamal El Mallouki zu Gast im FAZ Podcast „Finanzen und Immobilien“. Es ging um die aktuelle Lage von Crowdinvesting. Wie lässt sich Schwarmfinanzierung zwischen den Interessen von Anleger:innen auf der einen Seite und dem Bedarf nach alternativer Finanzierung auf der anderen Seite einordnen? Was sind die Risiken und Chancen, worauf sollte geachtet werden?

In diesem Blogartikel finden Sie die relevantesten Eckpunkte aus dem Podcast zusammengefasst.
Alternativ könnten Sie sich hier den Podcast in voller Länge anhören:

Schwarmfinanzierung hat Geschichte

In den letzten 10 bis 15 Jahren ist Crowdfinancing immer präsenter geworden. Nicht nur bei Anleger:innen, sondern auch als alternative Finanzierungsform. Dabei handelt es sich hierbei nicht um einen neuartigen Trend in der schnelllebigen Finanzbranche – schon früher haben sich Interessengemeinschaften gebildet, um ein gemeinsames Vorhaben zu realisieren. Ein Beispiel hierfür ist der Eiserne Steg in Frankfurt. Im Jahr 1867 haben sich Frankfurter Bürger:innen zu einem Verein zusammengeschlossen: zur Finanzierung einer Fußgängerbrücke über den Main. Bis heute steht der Eiserne Steg und verbindet die Altstadt mit dem Stadtteil Sachsenhausen. Mit dem Erwerb von Anteilsscheinen wurde damals die 120.000 Gulden teure Brücke finanziert. Beispiele dieser Art gibt es viele, der entscheidende Gamechanger für die aktuellen Entwicklungen ist jedoch die Digitalisierung. Durch die sichere und digitale Abwicklung können Anleger:innen in kurzer Zeit in viele verschiedene Projekte investieren – Schwarmfinanzierung ist so einfach wie nie.

Crowdinvesting, -lending und -funding – wo ist der Unterschied?

Alle diese Begriffe haben gemeinsam, dass es um die Finanzierung eines bestimmten Vorhabens durch die Beteiligung von vielen geht. Die Unterscheidung liegt in den Bedingungen der Vergütung:

Crowdfunding

Diese Form des Crowdfinancings ist gegenleistungsbasiert oder auch spendenbasiert. Eine Vergütung erfolgt hierbei in nicht finanzieller Form. Beim spendenbasierten Crowdfunding wird die Beteiligung als Spende angesehen, hier gibt es weder eine finanzielle, noch eine materielle Gegenleistung. Das Gegenstück zum spendenbasierten Crowdfunding ist das gegenleistungsbasierte Crowdfunding, bei dem eine materielle Gegenleistung zugesichert wird. Wie z.B. eine Band, die über Crowdfunding ihr Album finanziert und ein unterschriebenes Exemplar des Albums als Gegenwert anbietet. Mehr zu Crowdfunding lesen Sie in unserem Finanzwiki.

Crowdinvesting und Crowdlending

Bei diesen beiden Instrumenten zur Kapitalbeschaffung handelt es sich um die investmentbasierten Formen der Schwarmfinanzierung. Auch hier steht die Realisierung eines Vorhabens im Fokus, mit dem Unterschied, dass der/die Initiator:in einen Rückfluss des eingesetzten Kapitals in Aussicht stellt. Das funktioniert auf Basis eines Wertzuwachses, wie es klassischerweise bei Startups der Fall ist. Das Gegenstück hierzu ist eine feste Rendite, ähnlich zu einer Anleihenfinanzierung. Mehr zu Crowdinvesting und Crowdlending lesen Sie in unserem Finanzwiki.

Wie tickt der Markt?

Wie auch im übrigen Finanzmarkt bestimmen die Gewohnheiten und Präferenzen der Akteur:innen über die Verteilung am Markt. Demnach ist die Investition über Fremdkapital in Deutschland stärker vertreten als die Beteiligung über Eigenkapital. Laut El Mallouki hat das mit der höheren Planungssicherheit über die kalkulierten Rückflüsse zu tun. Die USA oder auch unsere europäischen Nachbarländer sind Eigenkapital-Beteiligungen weitaus zugewandter. Dabei ist das Abwägen zwischen Chance und Risiko individuell zu treffen und hängt vom gewünschten Risiko-Profil ab. Wie im gesamten Anlagegeschäft gilt: Diversifizieren, um Chancen und Risiken auszugleichen. Bei der Investition in junge Unternehmen muss mit einer hohen Ausfallquote von 70% gerechnet werden, dafür sind die Aussichten auf Wertsteigerungen aber auch sehr attraktiv.

Immobilienbranche als größter Anteil von Crowdfunding

Der Immobiliensektor ist der stärkste Sektor im Bereich Schwarmfinanzierung in Deutschland, hier konnte in den letzten Jahren auch das größte Wachstum zu verzeichnet werden. Nach der Einschätzung von El Mallouki hat das hat zum einen damit zu tun, dass die deutschen Anleger:innen ein gutes Verständnis von dem Anlagemodell bei Immobilien haben. Dazu kommt, dass Crowdinvesting auch für Projektentwickler:innen eine attraktive Finanzierungsform darstellt. Denn Sie können sich über Mezzanine-Kapital ihre Finanzierung sichern und gleichzeitig die Option zu mehr Unabhängigkeit nutzen.

Crowdfinancing als der Weg zu mehr Unabhängigkeit für Projektentwickler:innen

Der klassische Weg für die Finanzierung einer Immobilie führt über die Bank, auch wenn die attraktiven Zinsbedingungen rückläufig sind. Wenn dieser Weg aus unterschiedlichen Gründen nicht in Frage kommt, gehen Projektentwickler:innen meist auf professionelle Investor:innen zu, wie vermögende Privatpersonen oder Institutionen. In diesen Fällen machen sich Projektentwickler:innen in den Bedingungen und auch von der Bereitschaft von diesen Investor:innen abhängig. Crowdfinancing ist hier eine attraktive Form der alternativen Finanzierung, die Unabhängigkeit schafft und darüber hinaus weitere positive Nebeneffekte hat.

Was macht Crowdinvesting für Anleger:innen attraktiv?

Durch die digitale Abwicklung können Investor:innen mit vielen kleinen Transaktionen ihre Anlagen diversifizieren. Was den Charme dabei ausmacht ist, dass genau gesteuert werden kann, in welches Projekt investiert werden soll. Es können Projekte aus der eigenen Region unterstützt werden oder auch Vorhaben, die mit der eigenen Überzeugung übereinstimmen. Beispielhaft erwähnt El Mallouki die mögliche Investition in eine Craftbier Brauerei im Rhein-Main-Gebiet, die ihre Rendite als flüssigen Zins (Bier) ausschüttet.

Jamal El Mallouki

Jamal El Mallouki

Co-Founder von portagon

"Wir haben in Deutschland ungefähr 500 börsengelistete Unternehmen, die Anzahl der börsennotierten Unternehmen sinkt permanent. Im Vergleich dazu gibt es ca. 3 Millionen Unternehmen in Deutschland. Das ist eine riesige Zahl von Unternehmen, in die bisher gar nicht investiert werden kann.”

Entwicklung von Alternative Financing

Mit einem Volumen von derzeit einer halben Milliarde macht Crowdfunding bzw. -investing nicht viel am gesamten Markt aus, doch es steckt viel Potenzial in der Nische. Denn es bietet die Möglichkeit sich an Unternehmen zu beteiligen, die nicht an der Börse gelistet sind. Während es in Deutschland nur ca. 500 börsennotierte Unternehmen gibt (Tendenz sinkend) gibt es ca. drei Millionen Unternehmen, die nicht an der Börse sind. Eine riesige Summe an Unternehmen, für die Crowdfinancing ein Türöffner sein kann – genau wie für Anleger:innen. Dabei stehen nicht nur Startups im Fokus, denn vor allem der Mittelstand stellt eine stabile Anlageoption dar. Dazu kommt, dass viele Bewegungen nicht visibel sind, da sie nicht in Statistiken eingehen – ein weiteres Indiz für großes Potenzial, das noch erschlossen werden muss.

Anpassungen in der Gesetzgebung notwendig

Auch wenn Crowdfunding präsenter wird, ist der Sektor vor allem durch die Gesetzgebung limitiert. Im Bereich der Startup-Finanzierung stagniert das Volumen bei 60 bis 100 Millionen (je nach zugezogener Statistik), was vor allem an der fehlenden rechtlichen Grundlage liegt. Entsprechende Anpassungen sind hier zu erwarten:

Jamal El Mallouki

Jamal El Mallouki

Co-Founder von portagon

"Es ist davon auszugehen, dass sich die Gesetzgebung in den nächsten Jahren zugunsten von Crowdfunding anpasst. Insbesondere, wenn die aktuelle Bundesregierung Mitarbeiterbeteiligung ermöglicht."

Fazit

Crowdfunding und Crowdinvesting sind schon länger auf Vormarsch, dennoch steckt noch einiges an Potenzial im Markt, welches noch nicht voll ausgeschöpft ist. Parallel zum restlichen Finanzsektor gilt es auch hier, Risiken und Chancen abzuwägen. Während es als Finanzierungsform neue Türen öffnen und die Unabhängigkeit stärken kann, ist es als Anlageform vor allem dann attraktiv, wenn es von Interesse ist zu wissen, wo das eigene Geld etwas bewegt. Allenfalls lohnt es sich, die dynamischen Entwicklungen weiterhin zu verfolgen.